Frau Huber muss zum Zahnarzt II

Die Frau Huber schläft in der Nacht vor dem Termin erstaunlich gut.

„So schlimm kann’s ja nicht sein“, murmelt sie, als sie am Freitag in der Früh aufwacht. Erst beim Frühstück fällt ihr der Blick auf den Kalender.

Freitag, der 13.

Sie bleibt einen Moment stehen, das Kaffeehäferl in der Hand.

„Na super“, sagt sie zu sich selbst. „Erst die junge Zahnärztin und jetzt auch noch der 13er. Das fangt ja gut an.“

Vorsichtshalber legt sie die Beisserl besonders sorgfältig in die Dose. Man weiß ja nie. Dann zieht sie ihre guten Schuhe an – die ohne Absätze, weil man beim Zahnarzt eh schon genug wackelt – und verlässt die Wohnung.

Im Stiegenhaus begegnet sie der Frau Gruber aus dem dritten Stock.

„Na, Frau Huber, wo geht’s denn hin?“

„Zum Zahnarzt.“

„Am Freitag, dem 13.?“

„Danke“, sagt die Frau Huber trocken, „des hab i eh fast vergessen.“

Schon vor der Ordination beschließt sie: Wenn jetzt noch was passiert, geht sie wieder heim. Aber es passiert nichts. Kein Stolpern, kein schwarzer Kater, nicht einmal ein falscher Knopf im Lift.

Im Wartezimmer setzt sie sich auf denselben Platz wie beim letzten Mal. Sicherheitshalber. Die Lichter sind hell, die Musik leise, und es riecht nach irgendwas Frischem, das nicht nach Zahnarzt riecht.

„Verdächtig“, denkt sie.

Als ihr Name aufgerufen wird, ist es wieder die junge Doktor Zimmermann.

„Grüß Gott, Frau Huber“, sagt sie freundlich.

„Grüß Gott“, antwortet die Frau Huber und fügt in Gedanken hinzu: Und bitte seien’s heut besonders vorsichtig.

Im Behandlungsstuhl kneift sie die Augen zu.

„Haben Sie Angst?“, fragt die Zahnärztin.

„Na“, sagt Frau Huber, „i bin nur sehr gespannt.“

Die Plombe ist schneller drin, als die Frau Huber „Beisserl“ denken kann. Kein Ziehen, kein Drücken, nicht einmal ein unangenehmes Geräusch.

„So, das war’s schon“, sagt die Zahnärztin.

Die Frau Huber öffnet ein Auge. Dann das andere.

„Des war’s?“

„Ja.“

„Am Freitag, dem 13.?“

Die Zahnärztin lacht. „Sehen Sie, ein Glückstag.“

Draußen bleibt Frau Huber kurz stehen. Sie fühlt mit der Zunge vorsichtig nach. Alles an seinem Platz.

„Na schau“, sagt sie, „man lernt halt doch nie aus.“

Zu Hause erzählt sie dem Fritzi alles ganz genau.

„Gar net schlimm war’s“, sagt sie. „Und weißt was? Die Junge is gar net so schlecht.“

Der Fritzi zwitschert zustimmend.

Und die Frau Huber denkt sich:

Vielleicht sind Freitage, der 13., gar nicht so gefährlich. Man muss ihnen nur eine Chance geben.

Frau Huber und der vergessene Schirm


Frau Huber geht nie ohne ihren Schirm aus dem Haus.

Nicht, weil es so oft regnet – sondern weil es ja vielleicht regnen könnte.
Der Schirm ist wie eine Versicherung. Wennst keinen mit hast, brauchst ihn bestimmt

An diesem Vormittag ist der Himmel strahlend blau, die Sonne scheint, und die Liesel meint noch auf dem Weg zum Kaffeehaus:
„Lintschi, wozu schleppst du denn den Schirm mit? Ich glaub, der verstaubt dir heut.“

„Geh bitte“, sagt Frau Huber und klemmt sich den Schirm unter den Arm,
„wenn ich ihn zu Haus lass, fängt’s sicher zum Schütten an.“

Im Kaffeehaus stellt sie den Schirm ordentlich neben den Tisch, lehnt ihn an den Sessel und bestellt eine Melange, wie immer.
Beim Zahlen greift sie nach ihrer Tasche, nach dem Mantel – aber der Schirm bleibt stehen.

Erst daheim merkt Frau Huber:
„Jessas! Mein Schirm!“
Sofort weiß sie, der ist im Café stehen geblieben.
„Das ist doch mein guter Schirm !
Nicht der Billige vom Hofer – der ordentliche, mit dem Holzgriff!“ jammert sie vor sich hin.

Am nächsten Tag marschiert sie kurz entschlossen ins Kaffeehaus.
„Entschuldigen S’, gestern hab ich da meinen Schirm vergessen.“
Der Kellner schaut kurz hinter die Theke.
„Da sind einige. Welche Farbe?“
„Schwarz. Aber so ein schönes Schwarz.“
Der Kellner zeigt auf eine ganze Reihe von schwarzen Schirmen.
„Da wären ein paar.“
Frau Huber tritt näher, mustert sie genau .
Dann greift sie nach einen.
„Der ist es. Den erkenn i sofort.“
„Woran denn?“ fragt der Kellner belustigt.
Frau Huber hebt den Schirm ein Stück hoch und sagt stolz:
„Am Holzgriff, die anderen haben alle einen Plastikgriff.“
Und…..
„Der ist ein bissl beleidigt. So wie ich, wenn mich wer vergisst.“
Der Kellner schmunzelt und reicht den guten, schwarzen Schirm der Frau Huber.
Sie geht zufrieden nach Hause, den Schirm wieder unter dem Arm.
Und murmelt:
„Ich muss besser auf dich aufpassen“
Vor der Haustür blickt sie nach oben und da waren plötzlich dunkle Wolken am Himmel.

Frau Huber und der Herr Karl

Jeden Vormittag, wenn die Sonne langsam über den Dächern aufging, trafen sich Frau Huber und Karl Berger auf der kleinen Bank im Park.
Die Bank stand unter einer alten Linde, deren Blätter im Sommer Schatten spendeten und im Herbst leise zu Boden fielen.

Im Winter lag dort oft eine dünne Schneeschicht, die von ihren Schritten knirschend unterbrochen wurde.

Frau Huber brachte meist eine Thermoskanne mit Tee mit, Karl zwei kleine Kekse, sorgfältig in Servietten gewickelt.
Sie saßen nebeneinander, schauten auf den Teich.
Manchmal war es genug, einfach da zu sein.
Manchmal aber konnten sie nicht aufhören zu erzählen.
Die Enten zogen ruhige Kreise im Wasser, und von irgendwoher hörte man die Kirchenglocken.

„Weißt du“, sagte der Herr Karl eines Tages leise, „früher dachte ich, Glück müsse laut sein.“
Frau Huber lächelte und nickte. „Und heute?“
„Heute weiß ich, dass es leise sein darf.“

Sie erzählten sich von früheren Zeiten, von Sommern voller Kinderlachen und von Wintern, die länger schienen als heute.
Doch oft sprachen sie auch über das Jetzt: über die warme Sonne im Gesicht, den Duft der Lindenblüten oder das Gefühl, nicht allein zu sein.

Als sie sich verabschiedeten, versprachen sie sich nichts Großes.
Nur, am nächsten Tag wiederzukommen. Und genau darin lag ihr Frieden – in der Gewissheit, dass es jemanden gab, der den gleichen Weg ging, zur gleichen Zeit, zur gleichen Bank.

Und so wurde dieser kleine Platz im Park zu ihrem gemeinsamen Zuhause für den Moment – still, freundlich und voller Leben.

Frau Huber im Park II


Wie sie es sich vorgenommen hat, ist die Frau Huber auch am nächsten Tag in den Park gegangen und  hat nach dem Kind Ausschau gehalten, aber von der kleinen Maja war nichts zu sehen, die Bank unter dem großen Baum war leer.

Frau Huber dreht eine große Runde, sieht auch das alte Pärchen, das immer Hand in Hand geht und lächelt die beiden grüßend an, im Vorbei gehen, der alte Mann winkt ihr fröhlich zu, ohne sein Frauchen loszulassen.

 

Auch nach einer halben Stunde ist von der kleinen Maja nichts zu sehen.
Auf der Bank sitzen jetzt zwei Männer, die sich lautstark unterhalten, ob sie nur diskutieren oder streiten ist nicht auszumachen.
Frau Huber geht nun zum Spielplatz um zu schauen, ob Maja sich vielleicht dort aufhält. Zwar hat sie ihr erzählt, dass die Mutter das nicht erlaubt, aber Kinder tun ja oft etwas, das sie Eltern nicht erlauben.
Aber auch dort ist Maja nicht.

So geht die Frau Huber unverrichteter Dinge wieder nach Hause und denkt den ganzen Abend über nach, warum das Kind heute nicht wie gewohnt auf der Bank im Park sitzt und auf seine Mutter wartet.

Auch am nächsten und am übernächsten Tag sieht Frau Huber die Kleine nicht.
Jetzt macht sie sich schon richtig Sorge, denn sie hat die Kleine ansonsten jeden Tag gesehen.

Die Linda, die Tochter der Frau Huber meint, die Mutter soll sich doch nicht solche Gedanken machen, man kennt die Familie ja nicht und weiß daher auch nicht was passiert ist, vielleicht hat die Mutter endlich eine Betreuung für Maja gefunden und daher muss die Kleine nicht mehr auf der Parkbank sitzen und warten bis ihre Mama von der Arbeit kommt.

Da es an den nächsten Tagen regnet, geht Frau Huber nicht in den Park, sie nimmt ja nicht an, dass das kleine Mädchen im strömenden Regen auf der Parkbank sitzen muss.
Da drehen sich sowieso ihre Gedanken weiter, was denn wirklich passiert, wenn das Wetter so schlecht bleiben sollte, bzw. was macht die Mutter der Maja, wenn es Winter wird, da kann so ein kleines Kind doch nicht stundenlang allein im Park sein und auf der Bank warten.

Fast bringen diese Gedanken, die Frau Huber schon um den Schlaf.
Sie muss sich dann wirklich zusammen nehmen und auf ihre Tochter hören, die meint, es ginge sie doch nichts an, was eine fremde Frau mit ihrem Kind macht.

Das fällt der Frau Huber richtig schwer.
Und als am nächsten Tag die Sonne wieder vom Himmel lacht, geht sie am frühen Nachmittag wieder in den Park und sieht schon von Weitem, dass die Kleine wieder auf der Bank sitzt.

“Hallo Maja, schön, dass du wieder da bist”
“Hallo” kommt von der Kleinen ganz leise.
“Ich bin die Frau Huber, aber du kannst auch gerne Lintschi zu mir sagen”
Da lacht die Kleine ganz laut, “das ist aber ein lustiger Name”
“Ja weißt du, eigentlich heiße ich ja Caroline, aber alle sagen nur Lintschi zu mir, ich glaube ich hab schon fast vergessen, dass ich Caroline heiße”
“Lintschi” wiederholt Maja ganz andächtig den Namen.
“Wo warst du denn vorgestern ?”
“Ich war krank, hatte Fieber und die Mama ist zu Hause geblieben, aber heute muss ich wieder raus, sagt die Mama, sonst hat sie bald keine Arbeit mehr”
Frau Huber wirft einen verstohlenen Blick auf die Ur, gleich 16.15 Uhr.
Und da kommt auch schon die Mutter von Maja um die Ecke und sieht verärgert, dass diese Frau schon wieder mit ihrem Kind redet.

“Lassen sie mein Kind in Ruhe” blafft sie die Frau Huber an.

Sie nimmt Maja an die Hand und will ganz schnell weggehen.

“Bleiben sie bitte einen Augenblick, ich möchte mit ihnen reden.”
“Vielleicht kann ich ihnen helfen!”

Frau Huber im Park


Wie jeden Tag, macht sich Frau Huber am Nachmittag fertig für ihren Spaziergang.
Meist führt ihr Weg in den nahe gelegenen Park.
Manchmal setzt sie sich, bei schönem Wetter auf einer der Bänke und beobachtet die Leute die vorbei gehen oder auf einer der anderen Bänke sitzen.

Da ist das Pärchen, so um die 70 Jahre, immer Hand in Hand gehend.
Und der alte Mann, der schon am Stock geht, aber anscheinend die tägliche Bewegung braucht.
Nebenan ist ein Kinderspielplatz, von dort hört man das Schreien und Kreischen der Kinder, das wird der Frau Huber manchmal fast zu viel, dann geht sie ein Stück weiter.
Unter einem großen Baum stehen zwei Bänke, die sind nur leider fast immer besetzt, weil es dort sehr geschützt ist, im Sommer vor allem vor der Hitze und im Herbst kann man dort sogar sitzen bleiben, auch wenn es leicht regnen sollte.

Seit ein paar Tagen sitzt ein kleines Mädchen, mutterseelenallein auf einem der Bankerl.
Die Frau Huber wundert sich ehrlich, weil das Kind immer an der selben Stelle sitzt und weit und breit keine Mutter oder Vater zu sehen ist.
Sie überlegt ob sie das Mäderl ansprechen soll, lässt es dann aber sein, denn manche Eltern sehen es gar nicht gerne, wenn man ihr Kind anspricht.
Am dritten Tag aber ist es der Frau Huber zu dumm und sie setzt sich ans andere Ende der Bank und nimmt eine bunte Illustrierte aus der Tasche und tut so, als ob sie darin lesen würde.
Das Kind beäugt sie neugierig.
Langsam rutscht die Kleine immer näher an die Frau Huber heran.
Frau Huber lächelt das Mädchen freundlich an, das Mädchen lächelt zurück und kommt jetzt ganz nahe um einen Blick in die bunte Zeitschrift zu werfen.

*Magst die Zeitung anschauen?*
Frau Huber hält ihr die Zeitschrift hin, aber die kleine schüttelt nur den Kopf und rutscht wieder ans andere Ende der Bank.
*Was für ein eigenartiges Kind* denkt die Frau Huber und lächelt die kleine wieder freundlich an.
*Wie heißt du denn ?*
Mit zusammengepressten Lippen sagt das Mädchen *Maja*
*Was für ein schöner Name*
Irgendwie fällt der Frau Huber das Lied von der Biene Maja ein.
*Bist du allein hier im Park ?*
Die Kleine nickt nur.
*Warum bist du denn nicht am Spielplatz?*
*Da darf ich nicht hin* flüstert Maja.
*Warum denn nicht ?*
*Mama erlaubt es nicht* jetzt spricht die Kleine schon etwas lauter.
*Und wo ist deine Mama ?*
*Die arbeitet bis 4 Uhr und ich muss hier sitzen bleiben und auf sie warten*
Frau Huber seufzt, armes Mädchen fährt es ihr durch den Kopf.
So ganz nebenbei schaut die Frau Huber kurz auf ihre Armbanduhr und sieht dass es 16.15 ist.
Und da biegt auch schon eine junge Frau um die Ecke und Maja springt freudig auf und läuft ihr entgegen.

Misstrauisch schaut die junge Frau die Frau Huber an, nimmt ihr Kind an die Hand und verschwindet.

Zu gern hätte Frau Huber sie gefragt, ob sie denn keine Betreuung für ihr Kind hat.
Denn in den Augen der Frau Huber, kann es doch nicht sein, dass ein kleines Kind, das Mädchen ist vermutlich 6 oder 7 Jahre alt, jeden Tag auf einer Bank im Park warten muss, bis ihre Mama aufhört zu arbeiten.

Nachdenklich macht sie sich auf den Weg nach Hause.
Und denkt darüber nach wie gut es eigentlich ihrer Tochter Laura gegangen ist, die nie allein warten musste bis ihre Mama sie von irgendwo abgeholt hat.

Irgendwie lässt der Vorfall der Frau Huber keine Ruhe und sie beschließt auch am nächsten Tag zu der Bank im Park zu gehen und nach dem Mädchen zu sehen.

Frau Huber muss zum Zahnarzt

Zeichnung: Dominik Voss

Frau Huber hat noch einige eigene Zähne, der Rest ist zum Herausnehmen.
natürlich putzt sie sowohl die eigenen als auch die transportablen Zähne, die sie liebevoll *Beisserl* nennt, regelmäßig, trotzdem bleibt ab und zu ein Besuch beim Zahnarzt nicht aus.
Und da sie eine Plombe aus einem ihrer Zähne verloren hat und sie das empfindlich stört, hat sie beim Zahnarzt, zu dem sie schon jahrelang geht angerufen und musste mit Schrecken feststellen, dass der gute Mann vor einem halben Jahr in Pension gegangen ist.
*Der ist doch noch gar nicht so alt, wieso geht der in Pension* regt sich die Frau Huber bei ihrer Freundin, der Liesel auf.
*Geh Lintschi, der ist über 70, der darf schon in Pension gehen*
*Und was mach ich jetzt ?*
*Na du gehst einfach zum Nachfolger*
*Liesel, das ist eine Zahnärztin, eine Frau*
*Lintschi, wo ist das Problem, meinst die kann deine Beisserchen nicht reparieren?*
*Na ich weiß nicht, mit so jungen Ärzten oder Ärztinnen hab ich es nicht so, denen fehlt die Erfahrung*
*Lintschi, wenn sich das jeder denkt, dann werden die nie ihre Erfahrungen machen* sagt die Liesel schon etwas genervt.
*Aber doch net an mir, ich bin ja kein Versuchskaninchen*
*Nein, Versuchskaninchen bist keins, aber ein Angsthase*
*Weißt was, Lintschi, mach was du willst, nützt eh nichts, wenn ich dir sag, dass das ein Blödsinn ist, was du da sagst.*

Seufzend bricht die Frau Huber das Gespräch ab und denkt ein paar Stunden nach und redet mit dem Fritzi, ihrem Wellensittich, der ihr nicht so widerspricht, wie ihre Freundin, die Liesel.

Am nächsten Tag, es ist ein Freitag, nimmt die Frau Huber all ihren Mut zusammen und ruft bei der neuen Zahnärztin an. Eine sehr freundliche Dame meldet sich und fragt nach ihren Wünschen.
Schon nach kurzer Zeit, weiß diese Dame, dass die Frau Huber Patientin vom Herrn Doktor ist, der in Pension gegangen ist, sie haben den Patientenstamm übernommen.
Und einen Termin findet die Dame auch gleich:
*Ist ihnen der 09. recht, ginge gleich in der Früh um 09.00 Uhr. ?*
Schnell sagt die Frau Huber zu und kommt dann als sie aufgelegt hat, drauf, dass das ja schon am kommenden Montag ist, also gleich nach dem Wochenende.
Nicht viel Zeit zum seelischen Vorbereiten.

Am Montag ist sie dann aber kurz vor 09.00 Uhr vor der Tür der Zahnärztin.
Das Wartezimmer hat sich sehr verändert, viel freundlicher und heller, als früher und es riecht gar nicht mehr so nach Zahnarzt, wie beim alten Doktor.
Nachdem sie ihre ecard hergezeigt hat und alle Formalitäten erfüllt sind, wird sie auch schon zum Röntgen gebeten.
Der alte Doktor hat nur geröngt, wenn einem was weh getan hat, aber auch davon war die Lintschi Huber sehr angenehm überrascht, das war gar nicht mehr so unangenehm wie früher.
Trotzdem sitzt sie dann mit laut klopfendem Herzen im Warteraum, aber ehe sie sich überlegt hat ob sie ihre Brille eingepackt hat, um eine der Zeitschriften zu lesen wird schon ihr Name genannt und eine junge, sehr hübsche Frau, die sich als Doktor Zimmermann vorstellt, bittet sie in den Behandlungsraum.
*Augen zu und durch* denkt die Frau Huber und schreitet tapfer zum Stuhl, der ihr immer so viel Schrecken eingejagt hat.
Die junge Zahnärztin lobt die Frau Huber, dass ihre Zähne sehr gepflegt aussehen und dass da neben der fehlenden Plombe noch eine Kleinigkeit zu richten sei.
*Das machen wir aber das nächste Mal*
Und schon kann die Lintschi wieder gehen.
*Ich nehm mir aber keinen Termin mehr an einem Montag* denkt sie *Da ist mir ja das ganze Wochenende verdorben*
Die Dame an der Rezeption schaut einen Augenblick in ihren Computer und meint, am Freitag wäre noch was frei, aber erst um 11 Uhr, wäre das auch recht:
Freudig sagt die Frau Huber zu, Wochenende gerettet.

Erst zu Hause kommt sie drauf, dass an diesem Freitag ausgerechnet der 13. ist.

Wieder mal eine Geschichte von Frau Huber

 

 

Jetzt gab es schon länger keine Geschichte von unserer Frau Huber.
Das soll sich jetzt sofort ändern.

 

 

 

 

Dank Corona, muss auch Frau Huber auf das eine oder andere Vergnügen und Treffen verzichten. Sie gehört auf Grund ihres Alters zur Risikogruppe und möchte nichts riskieren.
Sie geht 2x die Woche einkaufen, trägt da natürlich den Mund-Nasenschutz und versucht ihren Einkauf so zu legen, dass die Geschäfte nicht grad bummvoll sind.
Einige Dinge besorgt ihr ihre Tochter, die Linda, weil die mit ihrem Auto doch etwas mobilier ist.
Ab und zu ein Spaziergang, allein, muss auch sein.
Und ansonsten ist Frau Huber sehr froh, dass sie sich rechtzeitig an ihr Mobiltelefon gewöhnt hat.
So kann sie mit ihrer Freundin, der Liesel und auch mit dem Herrn Emanuel telefonieren.
Der Emanuel ist der Uhrmacher, den die Frau Huber kennen gelernt hat, als sie die Ur ihres verstorbenen Mannes zur Reparatur gebracht hat.
Leider ist er wenig später in eine Altersresidenz gezogen.
Von dort erzählt er ihr immer wieder sehr nette Geschichten, wie das leben in so einer Gemeinschaft ist und ein wenig hat die Frau Huber den Eindruck, er will ihr so eine Alterswohngemeinschaft schmackhaft machen.
Sie hat sich den Betrieb dort auch schon angeschaut und es auch sehr angenehm und wohnlich empfunden, aber solange sie ohne irgendwelche Hilfe zurecht findet, möchte sie in ihren eigenen 4 Wänden bleiben.

Beim letzten Telefonat hat ihr der Herr Emanuel erzählt, dass er jetzt sehr oft mit einer gewissen Lore spazieren geht, er wirkte fast ein wenig verliebt, der alte Filou.
Er schmeichelt sich ja bei den Frauen, die dort in der Überzahl sind ein, indem er ihre Uhren kostenlos einem Service unterzieht und auch schon x alte, nicht mehr getragene Uhren wieder zum Leben erweckt hat.

Die Liesel spekuliert jetzt auch damit, in die Residenz zu ziehen.
Na das wird was werden, wenn sie alle, die sich aus dem Cafe kennen, dort landen werden.

Frau Huber lebt aber noch sehr gern allein in ihrer netten Wohnung und seit sie ihren Vogel, den zugeflogenen Wellensittich hat, fühlt sie sich gar nicht allein.

Sie hat auch sehr nette Nachbarn und Mitbewohner im Haus, die sich immer ein wenig sorgen, wenn sie sich mal ein paar Tage nicht meldet.

So darf es noch eine Weile bleiben, trotz Corona fühlt sie sich wohl und denkt noch nicht über eine grundlegende Veränderung nach.

Frau Huber und der Vogel

Und hier ist der schon sehnsüchtig erwartete 3. Teil.

Bin gespannt ob er euch auch so gut gefallen wird.

Huber hat einen Vogel III

 

 

 

Lange hat die Frau Huber darüber nachgedacht, wie sie heraus bekommen könnte, wem der Wellensittich, der ihr zugeflogen ist und der es sich bei ihr gleich so gemütlich gemacht hat, gehören könnte.
Der Gedanke, dass er vielleicht einem kleinen Kind gehört, das sich die Augen ausweint, weil sein Vögelchen weg geflogen ist, machte ihr echt Kopfzerbrechen.

 

 

Wieder Mal holte sie sich Rat bei ihrer Tochter.
Die Linda meinte, sie könnten das Vögelchen doch fotografieren und einen Brief dazu entwerfen, den sie auf ihrem Computer ausdruckt und den sie dann in der Umgebung verteilen könnten.
Beim Bäcker und im Blumengeschäft und vielleicht auch im Supermarkt kann man bestimmt solche Zettel aufhängen.
Das Enkelmädchen meinte dann auch noch, dass sie ein paar dieser Zetteln auch auf Bäume hängen könnten.
Die Idee fand die Frau Huber ganz toll und die drei Frauen machten sich gleich ans Werk.

 

 

Am Abend waren die Zetteln mit Foto und mit der Telefonnummer der Frau  Huber schnell verteilt.
Die Frau Huber hat dann den ganzen Abend das Telefon nicht aus den Augen gelassen.
Fritzi saß beim Fernschauen auf ihrer Schulter und pickte sie ab und zu ins Ohrläppchen.
Um Mitternacht ist sie dann ins Bett gegangen, den Vogelkäfig zugedeckt mit einer Decke, damit es der Fritzi schön kuschelig und dunkel hat.

Ihr letzter Gedanke war, dass sie echt traurig wäre, wenn Fritzi wieder *nach Hause* gehen müsste, aber da würde sie halt durch müssen.

 

 

Beim Frühstück klaute ihr der vorwitzige Vogel wieder ein Stück Butterbrot und bekam dann ein Stück Apfel als Trost.
Um acht Uhr läutet dann tatsächlich das Telefon und eine männliche Stimme sagte: “Mir gehört der Vogel nicht” – na sehr interessant.

Aber es kamen noch ein paar so spaßige Anrufe, ein paar Mal waren es Kinder, die ins Telefon kicherten.

Zu Mittag dann aber war es soweit, eine weibliche Stimme meldete sich und frage nach ein paar Details, ob der Vogel vom Butterbrot abbeißt oder ob er ins Ohrläppchen beißen würde.
Da war der Frau Huber sofort klar, dass das die Besitzerin sein muss.
Seufzend beantwortet sie die Fragen der unbekannten Frau und war etwas verzagt, weil sie sicher war, dass die ihr Vögelchen wieder haben wird wollen.

 

 

Aber ganz überraschend meinte die weibliche Stimme:
“Wollen sie das Viech behalten ?”
Allein der Ausdruck *Viech* – Frau Huber musste schnell nach Luft schnappen und fragte gegen, ob sie ihn denn nicht wieder haben wolle.
“Nein, wissen sie, der ist mir mit seinem Gezippe am frühen Morgen, schon so auf die Nerven gegangen. Behalten sie ihn !”
……………….und aufgelegt war.

 

 

Jetzt blieb der Drau Huber echt der Mund offen, das konnte sie gar nicht fassen.
In dem Augenblick kommt Fritzi angeflogen, setzt sich auf ihre Schulter und piepst ganz laut.
“Fritzi, du darfst bei mir bleiben! ” jubelt sie.
“Das muss ich der Linda erzählen, das glaubt mir ja kein Mensch !!”

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