Frau Huber und der Herr Karl

Jeden Vormittag, wenn die Sonne langsam über den Dächern aufging, trafen sich Frau Huber und Karl Berger auf der kleinen Bank im Park.
Die Bank stand unter einer alten Linde, deren Blätter im Sommer Schatten spendeten und im Herbst leise zu Boden fielen.

Im Winter lag dort oft eine dünne Schneeschicht, die von ihren Schritten knirschend unterbrochen wurde.

Frau Huber brachte meist eine Thermoskanne mit Tee mit, Karl zwei kleine Kekse, sorgfältig in Servietten gewickelt.
Sie saßen nebeneinander, schauten auf den Teich.
Manchmal war es genug, einfach da zu sein.
Manchmal aber konnten sie nicht aufhören zu erzählen.
Die Enten zogen ruhige Kreise im Wasser, und von irgendwoher hörte man die Kirchenglocken.

„Weißt du“, sagte der Herr Karl eines Tages leise, „früher dachte ich, Glück müsse laut sein.“
Frau Huber lächelte und nickte. „Und heute?“
„Heute weiß ich, dass es leise sein darf.“

Sie erzählten sich von früheren Zeiten, von Sommern voller Kinderlachen und von Wintern, die länger schienen als heute.
Doch oft sprachen sie auch über das Jetzt: über die warme Sonne im Gesicht, den Duft der Lindenblüten oder das Gefühl, nicht allein zu sein.

Als sie sich verabschiedeten, versprachen sie sich nichts Großes.
Nur, am nächsten Tag wiederzukommen. Und genau darin lag ihr Frieden – in der Gewissheit, dass es jemanden gab, der den gleichen Weg ging, zur gleichen Zeit, zur gleichen Bank.

Und so wurde dieser kleine Platz im Park zu ihrem gemeinsamen Zuhause für den Moment – still, freundlich und voller Leben.

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